Da bin ich wieder. Nach sehr ereignisreichen 2 1/2 Monaten auf einer 1 800 Hektar großen Schaf-, Rinder- und Getreidefarm bin ich nun seit gestern wieder im herbstlichen, verregneten Melbourne und frage mich, wo die ganze Zeit geblieben ist.
Aber fangen wir von vorne an:
Nach relativ erfoglsloser Suche nach einem Fruitpicking Job in Tasmanien, meldete sich ein Farmer namens Stuart bei mir und sagte, er könne mir mit etwas Arbeit auf seiner Farm so ziemlich in der Mitte von Tasmanien helfen, allerdings nur für etwa eine Woche, da er bereits anderen Backpackern einen Job versprochen hatte. Also traf ich den Farmer in Hobart auf einen Kaffee und meine ziemlich kurze Handballkarriere hat sich ausgezahlt - denn Handball ist ja ein sehr "physical sport", was bei Farmarbeit immer ein Plus ist.
Einen paar Tage später packte ich meine sieben Sachen und Stuart holte mich und John, meinen derzeitigen travel mate ab und wir begaben uns auf den Weg nach Hamilton.
Dort erwartete uns unser eigenes Haus mit Küche, Badezimmer, drei Schlafzimmern, Garten, Waschmaschine - kurzum: viel zu viel Platz für 2 arme Backpacker.
Am nächsten Tag um 7:30 starteten wir die Arbeit. Plan- und erfahrungslos wie wir waren, stellten wir uns im Schafstall etwas ungeschickt an und dennoch machte uns die Arbeit sehr viel Spaß. Da waren Rinder und Schafe auf andere Felder zu treiben, zu impfen, zu scheren, zu kastrieren, Löcher zu graben, Metall zu schneiden, Zäune zu bauen, Pumpen zu starten, Schläuche und Rohre zu bewegen, Traktor zu fahren, Felder zu pflügen und und und.
Nach etwa einer Woche war es unsere Aufgabe, ein paar Rammböcke mit unserem Ute in einem Käfig auf ein anderes Feld zu bringen. Aufgabe erledigt, den Käfig wieder abgelegt, fuhren wir zurück zurück zum Farmhaus, um Stuart zu treffen. Wir kamen nie an, denn in einer Kurve verlor der Fahrer (kann sein, dass ich es war ... *hust*) die Kontrolle über das Auto, wir kamen ins Rutschen und überschlugen uns ein paar mal, bis wir schließlich auf der Beifahrerseite liegend zum Stehen kamen. Auf den Schmerz wartend, hing ich mit geschlossenen Augen in meinem Gurt - doch es kam kein Schmerz. Es folgte Polizei, ein Drogentest, eine Halskrause und schließlich ging es im Krankenwagen zurück nach Hobart ins Krankenhaus, da John eine Platzwunde am Kopf erlitten hatte (und ich einen blauen Fleck am Knie!!).
Um 5 Uhr morgens kamen wir erneut auf der Farm an, hundemüde und ziemlich überwältigt von allem.
Und dann? Nichts war mehr, wie es vorher war. John bekam Heimweh und als ich, nachdem ich meinen blauen Fleck auskuriert hatte, wieder zu arbeiten begann, machte es nicht halb so viel Spaß wie zuvor und zudem plagte mich ununterbrochen mein schlechtes Gewissen.
Aber irgendwie fanden die Dinge wieder ihren Weg ins Normale, auch wenn John schließlich nach etwas mehr als einem Monat nach Hause flog (auch wenn seine Wunde sehr gut verheilte!) und ich alleine für weitere 5 Wochen in dem Haus verblieb.
Und aus der ursprünglich geplanten Woche wurde eine sehr lange Zeit, die ich niemals vergessen werde. Doch als die Bäume ihre Blätter endgültig abgeworfen hatten und der erste Schnee die umgebenden Berggipfel krönte, wurde es für mich Zeit, die Farm zu verlassen.
Der Abschied fiel mir mal wieder schwer und als ich schließlich im Flieger zurück nach Melbourne saß, unterdrückte ich ein paar Tränen.
Hier ein paar Fotos von der Farm (leider nicht immer die schönsten, da man ja bei den schönsten Sonnenuntergängen; Regenbögen und Berglandschaften ja nie seine Kamera dabei hat ... ) und ein paar Handyfotos, aber ich denke sie geben einen guten Eindruck von meiner Zeit auf der Farm:
Mein Lieblingsstier (Man beachte: STIER, nicht TIER ... wobei Rinder doch schon ziemlich coole Tiere sind):
Beim Holz holen mit dem Traktor (zugegeben, ich bin nicht mit dem Anhänger gefahren - aaber ein paar Meter ohne!):
Unser nicht mehr existenter Ute mit den Schafen im Käfig, kurz vor dem Unfall:
Beim Schafe treiben:
Ein improvisiertes Abschiedsgrillen für John:
Im Schafstall (man beachte hier: Die Schafe wurden kürzlich am Hintern und am Kopf geschoren, wie der Experte sieht):
Und ich kam leider nicht umhin, da war ein Backofen in der Küche und Mehl und Zucker im Schrank ... unten links sind eigens kreierte "Wagon Wheels", die es in einem Shop in der Nähe der Farm zu kaufen gab, nur etwas anders. Mit Marshmallows und Himbeermarmelade, YUMM!
Ein Abend vorm Kamin, als es schließlich kalt wurde:
Und die Aussicht von der "nut" in Stanley (Nordwestküste von Tassie), wohin Stuart und ich an meinem letzten Wochenende einen kleinen Ausflug machten:
Und zum Schluss, mein persönlicher Favorit:
Nunja ... wo war ich stehen geblieben? Ich sitze in Melbourne in der Bibliothek und frage mich, wo die ganze Zeit geblieben ist. Nun bin ich seit fast 8 Monaten in Australien und es sind nur noch vier übrig. Ehe ich es mich versehe, habe ich wieder deutschen Boden unter den Füßen und blicke auf ein ganzes Jahr zurück.
Aber noch ist die Reise nicht zuende und noch liegt es an mir, das Beste aus meiner verbleibenden Zeit zu machen. Wie immer bin ich relativ planlos, was mein nächstes Ziel angeht, aber ich werde bald eine Entscheidung treffen müssen. Hoch in den Schnee oder viel weiter hoch zurück in die Sonne an den Strand ... verrückt ist die Welt. Und ich fühle mich nach Lebkuchen, Marzipan, Glühwein, Kerzen und Geschenken, während zu Hause gerade alles grünt und blüht und es langsam Sommer wird.
Aber genug der Worte, ich habe Hunger und eine Reise zu planen!
Lou










